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Ansätze zur weiteren Entwicklung der Fachrichtung Informationswissenschaft

Johannes Büchs und  Martin Sand
Universität des Saarlandes

November 2003

Ansätze für die weitere Entwicklung der Fachrichtung Informationswissenschaft an der Universität des Saarlandes

1) Vorbemerkung

Die Universität des Saarlandes ist derzeit dabei, ihre Strukturentwicklung für die nächsten Jahre zu beraten. Die Grundlage hierfür bilden die Zielvereinbarung zwischen der Universität des Saarlandes und dem Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft für die Jahre 2004 bis 2006 einerseits und die Entwicklungsplanung 2004 bis 2006 der Universität andererseits. In dem vorliegenden Papier geht es darum, Ansätze aufzuzeigen, wie die Fachrichtung Informationswissenschaft im Rahmen der laufenden Strukturplanung weiterentwickelt werden kann.

2) Ausgangslage

Die Informationswissenschaft ist bereits jetzt ein attraktives Studienangebot. Deutlich wird dies unter anderem durch die hohen Bewerberzahlen (nur ca. jede/r vierte Bewerber/in kann aufgenommen werden) und den hohen Anteil von auswärtigen Studierenden. Die Lehre in der Informationswissenschaft kann auf sehr gute Evaluationsergebnisse verweisen. Innovative Veranstaltungsformen sind verbreitet und insbesondere die vielfältige Kompetenz der Dozentinnen und Dozenten und Lehrbeauftragten sichert ein attraktives Studienangebot. Die Absolventen des Studienganges haben keine Probleme, sich im Arbeitsmarkt zu behaupten und werden insbesondere auch von Firmen in der saarländischen IT-Branche gesucht. Weiterhin ist z.B. das im Fach entwickelte virtuelle Lehre-Informationssystem (ViLI) schon jetzt beispielhaft für eine fortschrittliche Organisation des Studiums. Diese Einschätzung teilen auch die die Sport- und Erziehungswissenschaft, da auch sie bereits erfolgreich mit dem System arbeiten; es könnte im Übrigen auch auf weitere Fächer an der Universität des Saarlandes ausgedehnt werden. Das virtuelle Lehre-Informationssystem übernimmt nicht nur die Funktion einer Organisationssystems, sondern fungiert für Studierende und Dozenten als Wissensmanagementsystem. Die Entwicklung, die Nutzung und Evaluation von elektronischen Informationssystemen in Organisationen ist damit nicht nur Gegenstand der Lehre, sondern integraler Bestandteil bei der Vermittlung der entsprechenden Kompetenzen.

3) Zielsetzung

Die Informationswissenschaft an der Universität ist - wie dargestellt - schon heute ein interessantes Bindeglied zwischen technischer Innovation einerseits und geisteswissenschaftlicher Kompetenz andererseits. Es ist genau diese spannende Verbindung, die die Informationswissenschaft für die weitere Entwicklung der Universität so wichtig macht. Darüber hinaus ist die Informationswissenschaft ein Bereich, der sich gut in die vom Universitätsrat beschlossene und in der Zielvereinbarung zwischen Universität und Land festgeschriebene Schwerpunktbildung einfügt. Dies gilt insbesondere für den Schwerpunkt der Informatik-Wissenschaften, in der die Informationswissenschaft deswegen von großer Bedeutung ist, da sie wichtige Kompetenzen in der Anwendbarkeit von Systemen zum Gegenstand hat.

Im Bereich des Europa-Schwerpunktes trägt die Informationswissenschaft dahingehend einen starken Anteil, dass sie ein wesentliches an Berufsfeldern (Medien, Öffentlichkeitsarbeit) orientiertes Kombinationsfach darstellt, das Studierende mit einem „klassischen“ Fach der Geisteswissenschaften gut auf ein spätere europaweite berufliche Möglichkeiten vorbereiten kann. Die Informationswissenschaft ist durch ihre europäisch und international ausgerichtete Forschung und Lehre in vielen Bereichen Vorreiter (E-Learning, E-Gouvernment) für den europäischen Bildungsmarkt. Andererseits soll sie nach unseren Vorstellungen in einem zukünftigen „Europa-Zentrum“ der Universität des Saarlandes  mitwirken. Dieses Zentrum soll eine Verbindung der am Europa-Schwerpunkt beteiligten Lehrstühle und Fächer darstellen.

4) Berufsfeldorientierung

Die Informationswissenschaft in neuer Form stellt noch mehr als bisher ein Studienangebot dar, das für die berufliche Orientierung der Studierenden ein exzellentes Fundament bildet. Sie ist als Kombinations-Studiengang konzipiert, der mit Fächern sowohl aus dem Bereich der „klassischen“ Geisteswissenschaften als auch aus den Informatik-Wissenschaften und den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften zusammen studiert werden kann.

5) Neue Studienorganisation

Die Informationswissenschaft sollte zukünftig in Form eines Bachelor/Master –Studiums organisiert werden. Dabei wird ein Modell vorgeschlagen, das das Bachelor-Studium aus einem wissenschaftlichen Hauptfach, einem wissenschaftlichen Nebenfach und einem „Optionalbereich“ (z.B. Präsentation, Marketing, Projektmanagement, Sprachen, wissenschaftliches Arbeiten, journalistisches Schreiben; vgl. hierzu: Martin Sand: Argumente für eine Rahmenordnung der Universität des Saarlandes hinsichtlich der Einführung von Bachelor/Bakkalaureus-Studiengängen, Oktober 2003) vorsieht. Die Informationswissenschaft soll dabei sowohl als Hauptfach als auch als Nebenfach gewählt werden können. Der Vorteil für die Studierenden liegt darin, dass sie mit der Informationswissenschaft ein Fach belegen können, das theoretische und anwendungsorientierte Kompetenzen miteinander verbindet und so eine sehr qualifizierte Ausbildung ermöglicht. Ziel ist es, möglichst viele Kombinationsmöglichkeiten mit andern Fächern anzubieten.

Die Informationswissenschaft soll überdies mindestens auch ein Master-Programm anbieten, bei dem eine stärkere Ausdifferenzierung und Spezialisierung analog der von uns vorgeschlagenen zwei Säulen wünschenswert ist.

Um aber eine entsprechende Basisausbildung auf hohem Niveau zu gewährleisten, ist es erforderlich, dass die Informationswissenschaft ein eigenständiges Bachelor-Angebot macht. Nur dann kann ein spezifisches Profil sinnvoll  ausgeprägt werden.

6) Die zwei „Säulen“ der Informationswissenschaft

Wir schlagen innerhalb der Fachrichtung eine Konzentration auf diejenigen Bereiche vor, die im Sinne der dargelegten Schwerpunktbildung essentiell sind. Daher sollen die Inhalte der bislang vier „Säulen“ (Fachinformation, Informationsmanagement, Publikumsinformation, Informationsindustrie) der Informationswissenschaft auf zwei verdichtet werden, die wie folgt aussehen:

Säule I:  Wissensmanagement (Knowledge Engineering)
Wissensmanagement leistet eine ganzheitliche Betrachtung des Zusammenspiels von  Mensch, Technik und Organisation im Zusammenhang mit dem Aufbereiten, Verfügbarmachen, Verteilen, Recherchieren und Pflegen von Wissen, bzw. „Content“. Vor allem vor einen sozio-technischen  Hintergrund ist es notwendig, Strategien und Strukturen zu schaffen, die z.B. einen adäquaten Umgang mit Wissen in Organisationen ermöglichen.

Zentrale Arbeitsfelder in Forschung und Lehre können sein:

  • Benutzerfreundlichkeit (Usability) von Systemen
  • Informationsarchitektur
  • Knowlegmanagementsysteme
  • Mensch-Maschine Kommunikation
  • Lebenslanges Lernen
  • Multilinguale Systeme

Anknüpfungspunkte innerhalb der Universität: Informatik, Erziehungswissenschaft, Psychologie, Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisations-, Personal- und Informationsmanagement. Zusätzlich:  Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). 

Partner außerhalb der Universität könnten sein: IDS Scheer, SAP, IMC, europäische Institutionen, Unternehmensberatungen, etc.

Säule II: (Europäische) Publikumsinformation
Die Publikumsinformation beschäftigt sich in Theorie, vor allem aber auch in der Praxis mit Medien und Mediensystemen sowie den traditionellen und neuen Präsentationsformen von Informationen und Kommunikation an ein breites Publikum. Die große Nachfrage der Studierenden in diesem Bereich zeigt, dass hier ein Bedarf nach einer praxisorientierten Ausbildung besteht. Kommunikationstheorien sowie das Informations- und Unterhaltungsangebot  verschiedener Medien sind wichtige Aspekte dieses Bereichs. Hierbei soll ein Schwerpunkt auf europäische Angebote, insbesondere auf deutsch-französische Medien gelegt werden. Dabei sollen Studierende durch praktische Seminare auf die Arbeitwelt von Kommunikatoren vorbereitet werden, unter anderem durch Referentinnen und Referenten von Partnerinstitutionen. Im Rahmen dieser Säule soll das Fach darüber hinaus für die Verknüpfung von verschiedenen Medienseminaren und Kursen sein, die bereits jetzt dezentral und wenig aufeinander abgestimmt in verschiedenen Fächern existieren.

Zentrale Arbeitsfelder für Forschung und Lehre könnten sein:

  • europäische Medienlandschaft und -ökonomie
  • internationale Kommunikation
  • Medientheorie
  • Medienpraxis
  • Medienwirkungsforschung
  • Kommunikatorforschung

Anknüpfungspunkte innerhalb der Universität: Germanistik, Romanistik, insbesondere Interkulturelle Kommunikation, Psychologie, Grenzüberschreitende Studien, Historisch orientierte Kulturwissenschaften.

Für diese Säule wird eine Zusammenarbeit mit Medien und Institutionen angeregt. Der Saarländische Rundfunk (SR), die Saarbrücker Zeitung, das dritte Programm des Französischen Fernsehens sowie das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), ARTE und europäische Institutionen sind hier interessante Partner für die Ausbildung und die Forschung. Sie können zudem spätere Arbeitsfelder der Absolventinnen und Absolventen der Informationswissenschaft (dadurch auch Vernetzung der Universität insgesamt in der Großregion) sein.

7) Vernetzung

Mit beiden Säulen werden sinnvoll Kompetenzen verbunden, schon vorhandene Ressourcen gebündelt und den Studierenden ein interessantes Angebot unterbreitet, das sie sehr gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Das Fach in seiner neuen Konzeption fördert die Möglichkeiten der Studierenden, über die Grenzen der Fachdisziplinen hinaus zu schauen und sich Kompetenzen anzueignen, die ihnen im Arbeitsmarkt entscheidende Vorteile bieten.

Für die zukünftige Entwicklung der Universität des Saarlandes könnte die Informationswissenschaft eine Vernetzungsfunktion von verschiedenen Fächern leisten, die einen entscheidenden Vorteil in der Konkurrenz zu Universitäten und anderen Hochschulen darstellen würde. Das Bachelor-Hauptfach soll Leistungsnachweise aus beiden Säulen erfordern gemäß einer entsprechenden Prüfungs- und Studienordnung. Auch das Nebenfach-Studium umfasst beide Bereiche, allerdings in reduzierter Form.

8) Strukturelle Einordnung

Das vorgestellte Konzept macht deutlich, dass die Informationswissenschaft für die Universität des Saarlandes von besonders großem Wert ist. Es ist zu betonen, dass sie nach unseren Vorschlägen mit einer Vielzahl von Fächern in Forschung und Lehre in Verbindung steht. Hinsichtlich der strukturellen Eingliederung bedeutet dies, dass es verfehlt wäre, die Informationswissenschaft in eine andere Fachrichtung zu integrieren. Dies wird der vielfältigen Verknüpfung nicht gerecht und würde eine einseitige Fokussierung auf den neuen Partnerbereich bedeuten. Da es aber keinen Partnerbereich gibt, der in dieser Breite Verknüpfungspunkte zu verschiedenen, auch naturwissenschaftlichen-technischen Fakultäten hat, ist es angezeigt, trotz der relativ kleinen Ausstattung eine eigenständige Fachrichtung zu erhalten. Zusätzliche Kosten entstehen hierdurch nicht.

Die weitere Existenz der Informationswissenschaft soll im Rahmen des Entwicklungsplans verbindlich geregelt werden, so dass bereits jetzt die Perspektive für die Neubesetzung des Lehrstuhls des im Jahr 2006 ausscheidenden Prof. Dr. Zimmermann gesichert ist und die Umsetzung unserer Vorschläge beginnen kann. Es ist bei der Ausschreibung darauf zu achten, dass der Kandidat, bzw. die Kandidatin in das vorgeschlagene Profil „passt.“ Die Berufungskommission sollte frühzeitig ihre Arbeit aufnehmen, um eine unnötige Vakanz zu vermeiden. Wir schlagen weiterhin vor, die Personalisierung im jetzigen Umfang mit akademischen und nicht wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen zu belassen. Überdies soll es auch weiterhin Lehraufträge von Externen geben, die zahlreiche der dargelegten Kompetenzen auch mit einem praktischen Hintergrund verbinden können. Zudem wird vorgeschlagen, alsbald eine  Juniorprofessur für  die Informationswissenschaft zu beantragen, die allerdings nicht mit einer Übernahmegarantie versehen werden soll.

Es wird erwogen, dass vorübergehend auch die beiden hauptamtlich beschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen der auslaufenden Fachrichtung Soziologie in die Informationswissenschaft integriert werden, da sie schon jetzt in der Informationswissenschaft Seminare anbieten. Eine dauerhafte Erweiterung der Personalisierung in dieser Form wird aber nicht angestrebt.

9) Ausblick

Mit der Weiterentwicklung der Informationswissenschaft nach dem vorgestellten Modell, würde die Universität einen weiteren Akzent setzen, der die Qualität der Ausbildung näher an der Wirklichkeit von Arbeitswelten orientiert. Gleichzeitig bietet sie ein Fach für Studierende, das über eine Vielzahl von Verbindungen zu anderen Fächern verfügt und zu einer Fächerkonvergenz beitragen kann. Die europäische Ausrichtung wird einen weiteren Vorteil im Bereich der regionalen Orientierung generieren, der die geographische Lage der Universität unterstreicht. Es ist eine Achse Brüssel – Luxemburg – Saarbrücken – Straßburg anzustreben, die eine enge Zusammenarbeit mit Organen der Europäischen Union erlaubt. Dabei wird die Informationswissenschaft ein wichtiger Impulsgeber sein.