Akt 1: Die Ungewissheit

Der Lebensweg der meisten transidenten Menschen hat viele Gemeinsamkeiten. Viele von uns sind ohne trans Vorbilder großgeworden. Die einzigen Gelegenheiten, bei denen man trans Menschen zu Gesicht bekam, waren wahrscheinlich bei Talk Shows wie Britt, und ihre Präsenz diente eher der Belustigung des cis Publikums als dazu, die Lebensrealität von transidenten Menschen in Europa aufzuzeigen. Daran erinnere ich mich auch noch. Und auch an die Demütigung, die ein schwuler Transmann offensichtlich verspürte, als er als hysterische Frau abgestempelt wurde. Aber diese kleinen, wenn auch leider sehr falschen, Darstellungen zeigten uns: Man muss nicht in dem Geschlecht leben, das einem bei der Geburt zugeordnet wurde.

Und dieser Funke glüht, oft jahrelang. Manchmal entzündet er sich nie, aus Angst, aus Scham, aus Demütigung, aus Entwürdigung. Aber ein noch so kleiner Funke kann ewig vor sich hin brodeln und irgendwann dann doch zu einem Buschfeuer werden. Und so war es bei mir. 2014, mit 16 Jahren, outete ich mich als Transfrau, und mein Feuer, wild und naiv, neu und unbeständig, wurde schnell vom deutschen Rechtssystem, vom deutschen Gesundheitssystem und vom deutschen Bildungssystem gelöscht. Aber der Funke blieb und entfachte sich immer wieder und immer wieder löschte ich ihn, bis er Anfang 2020 nicht mehr zu löschen war. Und genau wie sich die Welt und ich mich selbst in sechs Jahren veränderte, so veränderte sich auch das Feuer. Es war zynisch und pessimistisch, es war geordnet und gestutzt, es hatte Angst, vor der Welt und vor mir.

Akt 2: Rückschläge

Und so outete ich mich erneut, als nicht-binäre Transfrau. Immerhin gab es für uns mittlerweile einen eigenen Personenstand: Divers. Ich stellte Anträge beim Standesamt und machte mich auf die monatelange Suche eine:n Psychotherapeut:in zu finden, der oder die trans Menschen behandelt. Eine Therapie ist in Deutschland Pflicht, bevor man eine medizinische Transition anfängt, sprich: Hormone, OPs, usw. Allerdings gibt es in der ganzen BRD nur eine Handvoll Therapeut:innen, die trans Menschen behandeln. Fast immer werden nur binäre trans Menschen, d.h. Transmänner und Transfrauen, behandelt. Im Mai wurden dann nicht-binäre trans Menschen vom Personenstand Divers faktisch ausgeschlossen. Aber ich war noch nicht gewillt aufzugeben und im Juni stellte ich einen Antrag an der Uni, dass man doch bitte meinen Personenstand und meinen Namen ändere. Der Antrag wurde mit einem Satz abgelehnt.

Im August wurden dann nicht-binäre Menschen von der medizinischen Transition ausgeschlossen und ich musste mich entscheiden: Als „Mann“ weiterleben oder eine Transfrau werden? Ich entschied mich für das letztere, für das kleinere Übel. Immerhin, als Transfrau müsste es ja wohl einfacher sein? Und so stellte ich einen Antrag beim Amtsgericht, um meinen Namen nach dem Transsexuellengesetz von 1982 zu ändern. Für die, die es nicht wissen: Dieses Verfahren dauert Monate und erfordert eine intensive psychiatrische und psychologische Evaluation. Highlights meines Prozesses waren Fragen à la „Ach wie, Sie können Sex haben?“ oder „An Ihrer Stelle würde ich mir da keine Hoffnungen machen, aus meiner Erfahrung heraus macht Ihr Freund eh bald Schluss.“ Immerhin fand ich als Transfrau innerhalb von drei Monaten eine Therapeutin. Und so stellte ich an der Universität erneut einen Antrag, meinen Personenstand und meinen Namen ändern zu lassen. Der Antrag wurde mit einem Satz abgelehnt.

Die Namensänderung an der Uni wäre im Regelfall gar nicht so wichtig, wäre es nicht Online-Corona-Semester und würde nicht der Name in Microsoft Teams bei jedem Meeting angezeigt werden. Da ich mittlerweile relativ glaubwürdig als Frau auftrat und weil all meine Freunde und meine Professor:innen mich mit dem neuen Namen ansprachen, führte dies regelmäßig zu peinlichen und auch zu outenden Situationen. Deswegen stellte ich einen Antrag beim HiZ, dass ausnahmsweise der Name in Teams geändert werden würde. Der Antrag wurde mit einem Satz abgelehnt.

Akt 3: Offensive

Nach einem Jahr der Transition, geprägt von Ablehnungen und Wartezeiten, ein Jahr in dem ich weder meinen Namen legal ändern lassen konnte, noch eine medizinische Transition anfangen konnte, wollte ich mir nicht mehr alles gefallen lassen. Ich stellte erneut einen Antrag an der Uni, meinen Namen zu ändern. Ich zählte alles auf, wieso die Universität keinen Grund hat, die Namensänderung abzulehnen. Hier vier Fakten, die die meisten sicherlich nicht wissen: In der BRD muss man zwar grundsätzlich immer seinen korrekten Nachnamen angeben, den Vornamen allerdings nur in einigen wenigen Ausnahmefällen. Es ist rechtens, sich in der Universität mit einem Vornamen eigener Wahl einzuschreiben. Die Bundesregierung ist eigentlich seit 1989 dazu verpflichtet, transidenten Menschen einen Übergangsausweis auszustellen. Und da sich die Bundesregierung genauso lange weigert diesen auszustellen, wird dieser Übergangsausweis, genannt Ergänzungsausweis, von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität herausgegeben und seit 2016 von Bundesinnenministerium anerkannt.

Dieses Mal wurde der Antrag sogar in drei Sätzen abgelehnt. Ein Achtungserfolg, aber noch nicht genug. Ich schrieb noch eine Mail und erklärte ausführlich die rechtliche Grundlage der Namensänderung mit dem Ergänzungsausweis. Ich zitierte Gesetzestexte und Rechtsgutachten und verwies auf juristische Beurteilungen der Namensänderung. Als katholische Theologin war ich ziemlich stolz, dass ich dies vollbracht hatte. Lag mein Rechtswissen doch eher beim Codex Hammurabi und beim Deuteronomium. Und als Saarländerin wusste ich, dass sich in unserer Verwaltung nichts ohne die richtigen Kontakte regeln lässt. Da ich die nicht hatte, fügte ich so ziemlich jeden im CC der Mail ein, der oder die irgendwie, irgendwo, irgendwas mit Gleichstellung zu tun hatte. Und Erfolg! Die Gleichstellungsbeauftragte nahm sich der Sache an. Insbesondere da die Praxis der Namensänderung mit dem Ergänzungsausweis schon im Gleichstellungsplan des Landessozialministerium festgeschrieben war und eigentlich Standard sein sollte.

Meine Namensänderung an der Uni wird in den nächsten Wochen umgesetzt, und noch viel wichtiger: Es wird eine Richtlinie erarbeitet, die die Namensänderung mit dem Ergänzungsausweis festschreibt. Meine juristische Laienbeschäftigung war sogar eine Hilfe für die Rechtsabteilung der Universität. Dies ist ein großer Erfolg für alle transidenten Menschen an der Uni, aber wir dürfen nicht vergessen: Es ist nur einer der vielen Kämpfe, denen sich transidente Menschen in Deutschland Tag für Tag stellen müssen. Für den Bürokraten, der meine Namensänderung ablehnte, war es nur ein Antrag von vielen. Aber für mich war es eben ein Kampf in einer Reihe von vielen Kämpfen. Es zeigt, dass die Bürokratisierung der Menschenwürde eben diese verletzt. Und dies betrifft bei weitem nicht nur trans Menschen, es betrifft Abtreibungen, es betrifft Immigration, es betrifft Flucht, es betrifft Arbeitslose, es betrifft viele. Im angloamerikanischen Raum gibt es das Konzept der „common law marriage“. Eine Ehe, die nicht durch Eheschließung entsteht, sondern weil man faktisch verheiratet ist. Ich würde vorschlagen, dass überall dort, wo Menschen von legalistischer Bürokratie gequält werden, dieses Konzept Einzug erhält. Common law name, common law gender, common law nationality, usw. Man hat den Namen, unter welchem Menschen einen kennen, man hat das Geschlecht, das man seiner eigenen Wahrheit entsprechend fühlt und man wird unkompliziert Deutsche:r, wenn man eben faktisch schon längst eine:r ist.

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